Kolumbien steht vor einer radikalen sicherheitspolitischen Kehrtwende. Mit der heutigen Amtseinführung von Abelardo de la Espriella übernimmt ein Politiker das Ruder, der sich selbst als „Tiger“ charakterisiert und dem Drogenhandel sowie dem Koka-Anbau den totalen Krieg erklärt hat. In seiner Antrittsrede ließ der neue Präsident keinen Zweifel an seiner Strategie: Kriminelle Banden und „narkoterroristische Gruppen“ haben laut de la Espriella künftig nur die Wahl, sich dem Gesetz zu beugen oder die volle Härte der staatlichen Sicherheitskräfte zu spüren. Er distanziert sich damit massiv von der „Politik des totalen Friedens“ seines Vorgängers Gustavo Petro.
Besonders die ländlichen Regionen blicken mit Sorge auf die angekündigten Maßnahmen. In Putumayo, im tiefen Süden des Landes, fürchtet der 56-jährige Kleinbauer Martín um seine Existenz. Er bewirtschaftet dort Flächen mit Kochbananen, Kakao und Koka – letzteres ist für ihn die einzige verlässliche Einnahmequelle. In seinem einfachen Holzhaus, in dem über offenem Feuer gekocht wird, erinnert er sich an die Ära von Álvaro Uribe Anfang der 2000er Jahre. Damals wurde Koka großflächig mit dem Herbizid Glyphosat aus der Luft besprüht. Martín betont, dass dabei nicht nur die illegalen Pflanzen, sondern auch seine Nahrungsmittel vernichtet wurden. Die Angst vor einer Rückkehr der Sprühflüge ist real, da de la Espriella die Fumigation als zentrales Werkzeug in seinem 90-Tage-Programm reaktivieren will.
Die Herausforderung für die neue Regierung ist gewaltig: Aktuelle Zahlen belegen, dass der Koka-Anbau im Jahr 2024 auf eine Rekordfläche von 261.000 Hektar angewachsen ist – ein Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Fast die Hälfte dieser Anbaugebiete konzentriert sich auf lediglich zehn Gemeinden. Kritiker wie Camilo González Posso vom Forschungsinstitut Indepaz warnen, dass Repression allein das Problem nicht lösen werde. Er bezeichnet den Kampf gegen die Pflanzungen als „Krieg gegen Kleinbauer“, der lediglich zu einer geografischen Verschiebung der Felder führe, statt den Drogenhandel an der Wurzel zu packen.
De la Espriella setzt dennoch auf ein autoritäres Modell, das stark an den Kurs des US-Präsidenten Donald Trump angelehnt ist, zu dem er enge Kontakte pflegt. Neben der militärischen Offensive plant er einen massiven Staatsumbau, bei dem der Regierungsapparat um bis zu 40 Prozent verkleinert werden soll. Gleichzeitig forciert er den Bau von Mega-Gefängnissen und eine engere Kooperation mit den USA bei Auslieferungen. Auch gesellschaftspolitisch deutet sich ein Wandel an: Die Verteilung von Bibeln an sein Kabinett wertet das Zentrum für reproduktive Rechte als gefährliches Signal für einen laizistischen Staat, das die Rechte von Frauen und der LGBTQ-Gemeinschaft bedrohen könnte.
Während der linke Gegenkandidat Cepeda seine knappe Niederlage – das Wahlergebnis lag bei weniger als einem Prozent Differenz – akzeptiert hat, bleibt die Lage explosiv. US-Präsident Petro erkennt den Sieg bislang nicht an und rief zu Massenprotesten auf. Inmitten dieser tiefen gesellschaftlichen Spaltung und der zunehmenden Gewalt durch Gruppen, die das Vakuum nach dem FARC-Friedensabkommen von 2016 gefüllt haben, beginnt für Kolumbien ein ungewisses Kapitel. Ob militärische Stärke ohne soziale Investitionen den jahrzehntelangen Konflikt beenden kann, bleibt fraglich.
Quellen: tagesschau, AFP
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